Einheitsgebetsruf in Kairo?
Rund viertausend Moscheen gibt es in Kairo. Ein paar große, die majestätisch über der Stadt thronen und viele kleine zweckmäßige, die in jeder Straße sich befinden. Und jede einzelne ruft mit Hilfe von quakenden Lautsprechern fünf Mal täglich zum Gebet.
Zwei Moscheen von viertausend: Die osmanische Suleiman-Pascha-Moschee von 1528 (Vordergrund) und die Muhammad-Ali-Moschee, erbaut 1830-48
Viele der Muezzine, der Gebetsrufer, sind nicht die besten Sänger. Fünfmal über den ganzen Tag verteilt erinnern sie die Gläubigen ans Gebet.
Die Tagesthemen berichteten heute, dass der ägyptische Religionsminister nun den Gebetsruf zentral einrichten möchte: Einige wenige, gute Muezzine sollen für alle Moscheen Kairos rufen. Über Funk soll der Ruf dann auf die Minarette kommen - und von dort zu den Bewohnern der Metropole. Gleichzeitig und wohlklingend.
Viele Muslime dürften nicht begeistert sein. Sie werden argumentieren, dass dieses Verfahren nicht vom Propheten Muhammad angewendet wurde, entsprechend eien bida' sei, eine unerlaubte Neuerung. Die Befürworter der Regelung, die vielleicht neben einer kleinen Hinterhofmoschee wohnen, werden sagen: "Und was ist mit den alten Lautsprechern, die in unser Schlafzimmer brüllen? Und suchte Muhammad nicht den besten Rufer mit der sanftesten Stimme aus?"
Wenn mich jemand fragt, ob ich für den zentralen Gebetsruf bin, würde ich antworten mit einem entschiedenen: "Jein!" Ich kann es verstehen, dass man sich nach dem infernalischen Geräuschpegel der Stadt am Tag, wenigstens nachts ein bisschen mehr Ruhe wünscht. Oder zumindestens bessere Muezzine.
Andererseits habe ich es in Kairo immer sehr genossen, im Al-Azhar-Park zu sitzen. Eine Grünanlage zwischen islamischer Altstadt, der Totenstadt, Mukattam-Berg und Zitadelle. Man befindet sich ein bisschen über dem ewigen Hupen und in frischerer Luft als in der Stadt. Und dann setzt mit dem Sonnenuntergang der Gebetsruf ein, mit ein paar Sekunden Unterschied. Nach 20 oder 30 Sekunden hört man dann mehrere hundert Stimmen zu sich hinaufbranden.
Das würde ich schon vermissen. Aber ich glaube eigentlich nicht, dass ein ägyptischer Minister solch eine Politik durchsetzen kann.